Gemeinsam Schule machen

Die Baupiloten aus Berlin arbeiten seit Jahren an der Weiterentwicklung von partizipativen Prozessen in der Architektur. Gründerin Susanne Hofmann erklärt, warum Teilhabe gerade auch im Schulbau zur Anwendung kommen sollte.

Die Teilhabe an den Entscheidungen zur Gestaltung und zur Entwicklung unserer Umwelt in Architektur und Städtebau spielt eine immer größere Rolle. Gleichzeitig wachsen die Vorbehalte gegen eine partizipative Gebäudeplanung. Sie wird oftmals sogar als Hemmnis, als zu langwierig und ineffektiv angesehen. Architektur kann aber nur dann nachhaltig entstehen, wenn sie gut und vielfältig nutzbar ist, wenn im Prozess sparsam und klug mit Ressourcen, Baumaterialien und dem Klima umgegangen wird und die Akteure ihrer sozialen Verantwortung gerecht werden. Das Wissen der Nutzer:innen über den Gebrauch und das Erleben von Räumen ist für Architekt:innen eine grundlegende Erkenntnis im architektonischen und städtebaulichen Entwurfsprozess: Für die Menschen zu bauen heißt, mit den Menschen zu planen.

Die Aufgabe von Architekt:innen sollte deshalb darin bestehen, den Lebensraum für die Menschen, die in einem Gebäude leben und arbeiten, sowohl innerhalb als auch außerhalb so nutzbringend und angenehm wie möglich zu gestalten. Nutzer:innen sollten an der Planung und Umplanung der Gebäude teilhaben. Das Metier der Architektur ist der gebaute Raum und seine Atmosphäre. Die Raumatmosphäre ist nach der Philosophie des Phänomenologen Gernot Böhme ein wesentliches Element der Architektur (vgl. u. a. Böhme, 2008). Ihre Wahrnehmung ist subjektiv, also individuell geprägt, aber sie ist kommunikationsfähig sowie kommunikationsaktiv und damit intersubjektiv erfahrbar und auch verhandelbar.

Planen anhand der Bedürfnisse der Menschen

Seit der Gründung der Baupiloten im Jahr 2002 gehört ein dialogischer und reflektierender Entwurfsprozess zum Alltag des forschenden und planenden Architekturbüros. Mit den Jahren ist ein umfangreicher methodischer Werkzeugkas-ten entwickelt worden, der eine vielfältige und gleichzeitig spielerische Kommunikation zwischen den zukünftigen Nutzer:innen auf der einen Seite und den Entwerfenden auf der anderen Seite ermöglicht. Die Baupiloten streben an, ein robustes Konzept zu erarbeiten, das gleichzeitig eine hohe Flexibilität im Planungs- und Bauprozess ermöglicht.

Daraus hat sich eine grundlegende Struktur des Vorgehens entwickelt. Zunächst wird mit allen Personen Kontakt aufgebaut, die ein spezifisches Interesse an dem Projekt haben, die es betrifft oder betreffen könnte. Das sind beispielsweise Interessensgruppen, Akteure, Beiräte, Menschen aus der Verwaltung und Politik. Dann gilt es, die Vorstellungen und Wünsche der Nutzer:innen in Erfahrung zu bringen, die sie mit dem Bauvorhaben oder mit den geplanten Umbauten verbinden. Es geht darum, die Expertise der Nutzer:innen im Umgang mit einem Gebäude sowie ihre Vorstellungen zur besseren Nutzung zu erfahren. Was erwarten sie von ihrer neuen Umgebung? Was sollte aus ihrem gewohnten Umfeld auf das Neue übertragen werden und was besser nicht? Also: Was sind die Herausforderungen, was sind die Potenziale? Welche guten, welche schlechten Erfahrungen haben sie mit bestehenden Gebäuden oder mit räumlichen Situationen in ihren jeweiligen Institutionen, in den Schulen, Bibliotheken oder Lernräumen gemacht? Es ist uns dabei sehr wichtig, nicht nur funktionale, sondern auch atmosphärische Ansprüche und Vorstellungen im Sinne Gernot Böhmes zu erfassen.

Atmosphäre erforschen

Mit einer reinen Befragung der Nutzer:innen geben sich die Baupiloten in ihren Partizipationsverfahren allerdings nicht zufrieden. Es scheint auch wenig fruchtbar, die Menschen direkt nach ihren konkreten Wünschen zu fragen. Ihre Antworten beziehen sich dann meist auf sehr konkrete Vorbilder oder Klischees. Um der Phantasie in diesem Zusammenhang einen größeren Freiraum zu verschaffen, ist vor allem bei Umbauten auch eine gewisse Abstraktion von der konkreten Situation notwendig, auf die sich die Gedanken später wieder konzentrieren müssen. Die Bau­piloten wollen gemeinsam mit den Nutzer:innen erkunden, welcher Art und welcher grundlegenden Qualität die Umwelt sein soll, in der sie sich aufhalten wollen, und welche Wünsche sie damit verbinden. Ebenso wichtig ist dabei zu erfahren, welche Interessen andere Stakeholder und Menschen, die beteiligt sind, mit dem Projekt konkret verbinden.

Diese Vorstellungen werden in Werkstattverfahren geschärft, bei denen gezielt Visionen für eine wünschenswerte Zukunft erarbeitet und verhandelt werden. Je nach Alter, sozialem oder kulturellem Hintergrund haben die Baupiloten ein breites Spektrum an Methoden zur Ansprache der teilnehmenden Menschen entwickelt – vom Arbeiten an ideellen Atmosphärenmodellen, Bildcollagen bis hin zu realitätsgroßen Modellen. Dazu zählen auch hocheffiziente Visionen-Verhandlungsspiele für unterschiedliche Anwendungszusammenhänge wie Schulen, Bibliotheken, Theater, Museen oder auch für das Wohnen.

In nur 100 Minuten und 17 Schritten werden in diesen Planspielen die unterschiedlichen Bedürfnisse aller Nutzergruppen im Austausch mit allen Beteiligten spielerisch erkundet, Prioritäten verhandelt und zu einer gemeinsamen räumlich-nutzungskonzeptionellen Programmierung für das Gebäude zusammengebracht. Das hilft vor allem dabei, Vorstellungen von Architektur spielerisch zu schärfen und zu formulieren. Uns als Architekt:innen hilft es, unsere Entwürfe auf die Bedürfnisse der Nutzer:innen abzustimmen und uns im besten Fall ein „sozial robustes Wissen“ (Nowotny, 2008) anzueignen. Schließlich sind die Nutzer:innen eines jeden Gebäudes Expert:innen für die Welt, in der sie leben und in der sie ihren Alltag verbringen, beziehungsweise, in der sie zukünftig leben und ihren Alltag verbringen wollen. Das Spiel wird in gut gemischten Teams gespielt, die so jeweils ihre ideale Gebäudevision verhandeln, entwickeln und vorstellen. Mit Hilfe vorgefertigter Spielkarten werden die Bedarfe, Vorstellungen und Ideen im Rahmen bestimmter Zeitvorgaben und gesetzter Spiel­regeln diskutiert, die sinnvoll ergänzt werden können. Die reichhaltigen Ergebnisse eines solchen Spiels bieten letztendlich Raumbedarfsanalysen und zeigen Nutzer:innenwünsche sowie Funktionszusammenhänge auf.

Diese Visionenworkshops ermöglichen es den Nutzer:innen, ihre Bedürfnisse zu fokussieren und ihre Vorstellungen von einer idealen funktionalen und räumliche-atmosphärischen Situation zu schärfen, die durch den Um- oder Neubau entstehen soll.

Die Baupiloten nennen diese Arbeit „Wunschforschung“. Deren Ergebnisse fließen in die Architekturkonzepte der Baupiloten ein und werden zur Basis der Entwürfe oder eines Diagramms, das den verhandelten Bereichen jeweils räumliche und atmosphärische Qualitäten zuordnet. Bewusst emotional und atmosphärisch aufgeladene Bezeichnungen der Räume kommunizieren dann deren vorgesehene Nutzung und die dafür notwendige atmosphärische Qualität.

Nutzer:innenbasierte Entwurfskonzepte 

„Weiterdenken-Werkstätten“ projizieren dann die funktionalen, atmosphärischen und räumlichen Erkenntnisse auf das konkrete Baugrundstück oder das bestehende Gebäude. Aus den Diskussionen entsteht ein Funktions- und Nutzungsdiagramm, das auch in dieser Phase noch ohne eine architektonisch-bauliche Festlegung auskommen kann. Das daraus erarbeitete Konzept kann zur Grundlage einer Wettbewerbsausschreibung, eines weiteren Verfahrens oder der Arbeit eines Planungsbüros werden oder dient den Baupiloten als Grundlage für den Architekturentwurf.

Einige Anwendungsbeispiele aus unterschiedlichen Planungsphasen sollen das partizipative Entwerfen veranschaulichen.

Minimalinvasive Eingriffe

Im Auftrag der „Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft“ haben die Baupiloten in einem partizipativen Verfahren die räumliche Neustrukturierung für einen Ganztagesbetrieb der „Grundschule im Dichterviertel“ in Mülheim a. d. R im baulichen Bestand geplant. Um mit minimalen baulichen Eingriffen einen kosten-, energieeffizienten und ressourcenschonenden Umbau sowie eine optimale Nutzbarkeit des bestehenden Gebäudes zu erreichen, haben sie eine intensive Bedarfs- und Nutzungsanalyse durchgeführt. Schüler:innen, Lehrer:innen, aber auch Verteter-:innen der Verwaltung haben dafür ihre Erfahrungen und Expertisen im bisherigen Alltag und ihre Vorstellungen eines optimalen zukünftigen Schulbetriebs eingebracht. Daraus entstand im Tandem mit der Pädagogin und ­Schulentwicklerin Karin Babbe ein päda­gogisch-architektonisches Leitbild sowie ein Funktions- und Nutzungskonzept mit sehr konkreter räumlicher und zeitlicher Disposition. Mit dessen Hilfe konnte ein zusätzliches Kinderrestaurant ohne Anbau gewonnen werden. Durch die Untersuchung wurden thematisch-räumliche Schwerpunkte unterschiedlicher Lernwelten mit atmosphärischem Qualitätsprofil gesetzt, die Teils einen Bezug zu Außenräumen haben. Darüber hinaus wurde ein räumlich strukturierendes Möbel-, Farb- und Umbaukonzept entwickelt. Es bezieht die pädagogisch notwendige Rhythmisierung des Tagesbetriebs ein und macht so eine intensive und kooperative Mehrfachnutzung der Räume auch in zeitlicher Dimension möglich. Durch die umfassende integrative Planung und die Konzentration auf ein ebenso funktionales wie atmosphärisches Anforderungsprofil an den Umbau konnten die baulichen Eingriffe auf ein absolutes Minimum reduziert werden.

Transformation und Partizipation

Von größerer Dimension waren die Untersuchungen und Planungen für eine neue Nutzung des Karstadt-Gebäudes in Lübeck und für die Transformation eines alten Klosters in Weißenfels zu Bildungszentren.

In Lübeck ist man stolz auf den noch erhaltenen mittelalterlichen Grundriss der Innenstadt, ihre noch recht vielfältige Nutzung und das aktive Leben in den öffentlichen Räumen. In dem 1996 erbauten und seit 2020 teilweise verlassenen Warenhaus soll ein offenes Bildungshaus eingerichtet werden. Dessen Grundrisse und die Skelettbauweise bieten gute Voraussetzungen für eine zukunftweisende Einrichtung zur sozialen Begegnung.

Kernidee war die Kombination von Nutzungen aus so unterschiedlichen Bereichen wie Bildung, Kultur, Wirtschaft und Wissenschaft. So sollen Bildungspartnerschaften ermöglicht werden. Das Projekt soll vier Gymnasien der Lübecker Altstadt, deren zusätzlicher Raumbedarf nicht auf den bestehenden Schulgrundstücken gedeckt werden kann, neue, zukunftsweisende Lernumgebungen bieten. Dies soll auch die Zusammenarbeit von einer Vielzahl von Bildungs-partner:innen aus dem Hochschulbereich ermöglichen sowie Bildungsangebote für die Öffentlichkeit zugänglich machen. Der Radiosender „Offener Kanal“ ist als ein wichtiger Vermittler beteiligt. Es geht also um eine Art vertikalen Bildungs- und Wissenschaftspark, der im Zentrum der Altstadt liegt. Eine Zwischennutzung des Hauses ermöglicht allen Beteiligten bereits einen Testlauf der vorgesehenen Nutzungen. Auf den Ergebnissen dieses Beteiligungsverfahrens, in dem die Baupiloten mit Partnern ein kooperatives Nutzungskonzept für das Gebäude entwickelt haben, kann das planende Architekturbüro für den Umbau direkt aufbauen.

Ein anderes Beispiel zum Bauen im Bestand ist die Umwandlung eines historisch bedeutenden Klosters in der Stadt Weißenfels in Sachsen-Anhalt. Dort soll im früheren Kloster St. Claren ein Bildungscampus als zentraler Ort für integrativen Austausch und lebenslanges Lernen entstehen. Das benachbarte Goethegymnasium, die Volkshochschule und die Musikschule des Burgenlandkreises sowie der Bürgerverein des Klosters sollen zu einem Leuchtturm des Lernens und des kulturellen Lebens für alle Menschen in der Stadt fusionieren.

Das Ergebnis des Beteiligungsprozesses der Baupiloten war ein ähnlich fein differenziertes Nutzungs- und Raumprogramm wie für das Bildungshaus in Lübeck, das in diesem Fall aber sehr detailliert auf die historische Bausubstanz abgestimmt wurde. Die Gebäude des Klosters haben in der Stadt Weißenfels einen hohen Identifikationswert und genießen eine hohe Akzeptanz. Einen solchen Status muss das wesentlich jüngere ehemalige Kaufhaus in Lübeck noch erreichen, auch wenn hier vielleicht noch Einkaufserlebnisse die Erinnerungen tragen. Grundsätzlich bringen beide Gebäudearten unterschiedliche Qualitäten in den Prozess der Umnutzung ein, wenn über ihre weitere Verwendbarkeit verhandelt wird. Aber auch hier konnte durch das breit angelegte intensive Beteiligungsverfahren eine hohe Identifikation der Beteiligten mit dem Projekt geschaffen werden. Dies birgt bei konsequenter Umsetzung in reale Architektur eine große Chance hoher Permanenz und Nachhaltigkeit der Baumaßnahmen.

Erweiterung Montessori Oberschule

Die Planung für den neuen Erweiterungsbau einer Montessori Grundschule um eine Oberschule mit beruflichem Gymnasium in Dresden ist aus einer erfolgreichen Teilnahme an einem Architekturwettbewerb hervorgegangen. Der wiederum baute auf einem zuvor durchgeführten Partizipationsverfahren auf, das eine Öffnung der Schule zum Quartier zum Thema hatte. Die Baupiloten führten die Partizipation in ihrer konkreten Planung entwurfsbegleitend fort. Zwischen Bestands- und Erweiterungsbau der Schule führt ein öffentlicher Weg. Mensa, Aula und andere Begegnungsorte fungieren dabei als Schnittstellen zur Öffentlichkeit.

Um ein besonderes Empfinden für den Ort und das zukünftige Gebäude aufzubauen, umschlossen zunächst alle am Planungsprozess Beteiligten die Gebäudegrundfläche als Menschenkette und symbolisierten dabei gleichzeitig die Verbundenheit mit dem Quartier. Schüler*innen und Pädagog*innen haben im weiteren Prozess ihre Ideen für eine ideale Raum-, Farb- und Material-konzeption entwickelt und so dazu beigetragen, dass die neuen Räume Begegnungen, Kommunikation und neue Lernformen ermöglichen.

Es gibt eine offene Lernlandschaft und die einzelnen Lernstufen haben jeweils abgegrenzte Bereiche mit zentralen Zonen sowie Gruppen- und Freiarbeitsbereichen. Zwischen dem Bestands- und dem Neubau ergibt sich so in der „gemeinsamen Mitte“ ein Interaktionsraum, in den auch das umliegende Quartier einbezogen werden kann.

Identifikation durch Partizipation

Selbstwirksamkeit, Identifikation und das Wohlbefinden der Menschen in den gebauten Räumen des Alltags sind gesellschaftlich essenziell. Das gilt für Neubauten genauso, wie für das Bauen im Bestand. Das Entstehen dysfunktionaler baulicher Strukturen muss vermieden werden. Um unnötigen Abriss und damit die Vergeudung grauer Energie zu vermeiden gilt es, Nutzung und Baustruktur in ein adäquates Zusammenspiel zu bringen. Das nachhaltige Nutzen bestehender Bausubstanz und das Schaffen identifikationsstiftender, weil ästhetisch ansprechender Räume setzt eine tiefgreifende Auseinandersetzung mit den Bedürfnissen der Menschen sowie das Suchen und Anpassen adäquater baulicher Strukturen voraus. Es braucht also eine gründliche Bestands- und Bedarfsanalyse sowie eine entsprechend partizipativ wirksame Planung.

Literatur:
- Böhme, Gernot (2008): Atmosphären in der Architektur, Atmospheres in Architecture. In: Metropole: Ressourcen, Metropolis: Resources, Band 2 der IBA Hamburg Schriftenreihe, Berlin: Jovis, 52–67
- Hofmann, Susanne (2023): PARTIZIPATION MACHT ARCHITEKTUR: Die Baupiloten – Methode und Projekte. Berlin: Jovis, 3. Auflage
- Nowotny, Helga; Scott, Peter; Gibbons, Michael (2008): Wissenschaft neu denken: Wissen und Öffentlichkeit in einem Zeitalter der Ungewissheit. Weilerswist-Metternich: Velbrück Wissenschaft

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