Realschule Gerlingen
Der umfangreiche Umbau der Realschule Gerlingen wird den heutigen pädagogischen Anforderungen gerecht. Dabei wurde das bestehende Gebäude aus den 1970er-Jahren erweitert und angepasst. Der Umbau bieten den Nutzerinnen neue, qualitätvolle und funktionale Räume und setzt damit ein Zeichen für eine notwendige architektonische Zukunftsaufgabe: Der Erhalt auch als unbeliebt oder veraltet wahrgenommener Bausubstanz ist nicht nur Herausforderung, sondern auch eine Chance.
Nur wenige Kilometer sind die Realschule in Gerlingen und das Schloss Solitude – in dem einst Friedrich Schiller zur Schule ging – voneinander entfernt. Vielleicht hat Schiller hier bereits seine ersten Theaterstücke geschrieben und sich dabei von der württembergischen Landschaft inspirieren lassen. Heute sieht die damals sicher idyllische Hügellandschaft ganz anders aus. Gerlingen gehört zur Metropolregion Stuttgart und zum Landkreis Ludwigsburg und ist Sitz des Technologiekonzerns Bosch, bekannt für seine Werkzeuge und Haushaltsgeräte. Die Stadt ist fast viermal dichter besiedelt als das Land im Durchschnitt. Seit 2012 ist die Zahl der Realschülerinnen um mehr als ein Drittel gestiegen (Quelle: Statistik Kommunal Gerlingen 2024). Um diesen Gegebenheiten gerecht zu werden, ist eine umfassende Erneuerung des Schulbestands notwendig: Nicht nur in Bezug auf die Größe sollen die Schulen den neuen Bedürfnissen angepasst werden, auch die neuen pädagogischen Anforderungen müssen einen angemessenen Raum finden.
Das Bestandsgebäude aus den 1970er-Jahren...
Foto: Markus Guhl
...und der Blick auf die Schule heute
Foto: Brigida González
Vor diesem Hintergrund ist der umfangreiche Umbau der Realschule Gerlingen zu betrachten, an der, nach aktuellem Stand, 534 Schülerinnen unterrichtet werden. Der Umbau war längst überfällig, denn der Bau aus den 1970er-Jahren hatte ausgedient und entsprach nicht mehr den heutigen pädagogischen Vorstellungen des Landes. Die Sanierung und die Erweiterung nach dem „Zwiebelschalenprinzip“ von wulf architekten aus Stuttgart hat die Fläche der Schule von 4 900 auf 8 400 m2 nahezu verdoppelt. Das Grundstück selbst ist nicht einfach, denn die Hanglage erforderte eine geschickte Anordnung der Funktionen und der Wege innerhalb und außerhalb des Gebäudes. Das sahen die Architektinnen und Architekten jedoch nicht als Schwierigkeit, sondern „als Chance, der Schule einen besonderen Charakter zu geben“, so Tobias Wulf, Gründer von wulf architekten. Das Bestandsgebäude – mit seiner für die Zeit typischen Waschbetonoptik – hatte bereits die Qualitäten der Lage aufgenommen und die Baukörper waren so zueinander gesetzt, dass das Zusammenhängende überwog.
Das zweite Foyer auf Ebene 1 mit dem offenen Treppenhaus nach...
Foto: Brigida González
...und vor dem Umbau.
Foto: Markus Guhl
Kompakte Strukturen
Wulf architekten – Gewinner des 2016 ausgelobten Wettbewerbs – haben dieses Prinzip aufgegriffen und die Gliederung der Funktionen so synthetisiert, dass sie sich im Ergebnis nun als einheitliches Volumen präsentieren. Die veraltete Sporthalle an der Straße im Nordosten des Ensembles wurde abgerissen. An ihrer Stelle wurde dann eine zweite Schicht angefügt, die den kompakten Charakter der neuen Kubatur nach außen hin bestärkt. Eine erhaltene Verbindung der Realschule zur Brückentorhalle – eine gemeinschaftlich genutzte Sporthalle an der Südseite des Gebäudeensembles – ermöglicht weiterhin den Sportunterricht in den bisher genutzten Räumlichkeiten. Für die im Wettbewerb vorgesehene Mensa, die gegenüber dem Schuleingang liegen sollte, ist der Baubeginn erst ab 2026 geplant, da die Kosten für den Umbau der Realschule bereits verausgabt waren.
Hier werden die abgeschnittenen Trägerköpfe der Bestandsstruktur sichtbar. Vom Rohbau konnte fast alles erhalten bleiben
Foto: Brigida González
Die neue Anordnung der Räume sieht zunächst die Verlegung des Eingangsbereichs vom hangseitigen Gebäudeteil in das zur Straße und zum ersten Pausenhof orientierten Erdgeschoss vor, um der Adresse der Schule Sichtbarkeit zu verleihen und die Funktionen zwischen dem Kopfbau und rückwärtigem Gebäudeteil zu ordnen. Die bisher kaum genutzten Flächen des vorderen Gebäudeteils wurden im Erdgeschoss der Schulverwaltung zugeteilt, in den Obergeschossen entstanden drei mal sechs neue Klassenräume.
Das Bestandsgebäude wurde um eine Raumtiefe erweitert. Das Tageslicht gelangt über einen innenliegenden Lichthof hinein
Foto: Brigida González
Im zweiten Gebäudeteil am Hang differenziert sich das Raumgefüge um ein helles Atrium. Hier sind weitere Lernangebote wie Kunst- und Werkräume sowie Labore, eine Schulküche und ein Musiksaal angeordnet. Neben der seitlichen Erweiterung der Baustruktur wurde eine großzügige Sitztreppe gestaltet, die in den zweiten erhöhten Pausenhof führt und für Veranstaltungen genutzt werden kann.
Die Realschule wurde nach dem Konzept der Lernhäuser umgeplant. Die Klassenzimmer sind in Cluster angeordnet
Foto: Brigida González
Ein Klassenzimmer
Foto: Brigida González
Für die Zukunft geeignet
Ausschlaggebend für den Umbau war die Umstellung des pädagogischen Konzepts auf das Lernhausprinzip mit Clusteranordnung. „Die Baustruktur des Bestands aus den 1970er-Jahren war dafür nicht mehr geeignet. Wir mussten als erstes die Gebäudetiefen verändern, um die Schule geeignet für die Zukunft zu machen“, erklärt Tobias Wulf. So hat das Büro den dreigeschossigen Kopfbau an der Nordseite um eine Raumtiefe erweitert. Die notwendige Belichtung wurde durch einen geschossübergreifenden Lichthof gelöst. Um den innenliegenden Hof und um die sich anschließenden Gemeinschaftsflächen mit Sitznischen und Aufenthaltsmöglichkeiten gruppieren sich auf allen drei Geschossen jeweils sechs Klassenzimmer. Die Brandschutzauflagen des Landes sehen eine maximale Nutzungseinheit von 400 m2 vor und konnten im Projekt nur dadurch erfüllt werden, dass die geplante Fläche der Clustereinheiten von 1 200 m2 in drei getrennte Einheiten aufgeteilt wurden, die jedoch räumlich nicht als solche wahrgenommen werden. Zwei zugeordnete Treppenhäuser sichern dafür die notwendigen Fluchtwege.
Der größte Eingriff war die Ertüchtigung der bestehenden Rippendecken für Brand- und Schallschutz
Foto: Heiko Stachel
Eine breite, einläufige und allseitig mit Holz verkleidete Treppe verbindet die beiden Gebäudeteile. Im hangseitigen Gebäudeteil angekommen, öffnet sich ein großzügiger Raum, der auf ein inszeniertes Treppenhaus mit breiten Zwischenpodesten ausgerichtet ist. Von hieraus entwickelt sich eine Galerie, die dann im obersten Geschoss an den Lernräumen vorbei auf eine Terrasse – den dritten Pausenhof – führt.
Wertvoller Rohbau
„Außer dem Rohbau gab es von der alten Schule kaum etwas, an das man anknüpfen konnte“, so Wulf. Zudem seien die Charaktere von Bestand und Neubau sehr unterschiedlich. Dennoch: Von der vorgefundenen Struktur und der gespeicherten grauen Energie sei viel erhalten geblieben. Die zusätzliche Gebäudeschicht konnte an die Spannweiten der bestehenden Tragstruktur anknüpfen. An wenigen Stellen ist dieser Umbau lesbar: Die Unterzüge, auf denen im zweiten Gebäudeteil die Bewegungsflächen der Galerien liegen, blieben erhalten und die Trägerköpfe sichtbar. Das geschulte Auge erkennt auch an anderen Stellen des Gebäudes Momente, die auf seine Geschichte hinweisen.
Isometrie des Bestands. Die Sporthalle links vom Gebäude wurde abgerissen
Der größte – und notwendigste – Eingriff erfolgte bei den Rippendecken aus Ortbeton: Diese waren für den erforderlichen Brandschutz zu dünn und erfüllten nicht mehr die Anforderungen an den Schallschutz. Auch die vorgehängte Fassade des Bestands war energetisch nicht mehr zeitgemäß und musste zurückgebaut werden. Die Waschbetonplatten seien zu schwer gewesen, um sie an der gedämmten Fassade zu befestigen. Auf Höhe der Fenster wurden wiederum neue Betonfertigteile eingesetzt, die der Fassade im Wechsel mit den Putzoberflächen Tiefe und Struktur verleihen. In der Detailausführung war der Umgang mit den beiden Oberflächen eine Herausforderung, vor allem am Hang, also dort, wo das Gebäude im Hügel verschwindet.
Isometrie der Bauphase. Die Gesamtfläche der Schule wurde fast verdoppelt
„Das Grau in Grau soll den Blick für Nuancen, aber auch für Licht und Schatten schärfen“, so Wulf. Beim Bauherrn sei das jedoch zunächst auf Skepsis gestoßen. Der Architekt erkennt an, dass es noch unüblich sei, Farbe bei einer Schule nicht als Hauptmerkmal zu behandeln, doch das Gebäude sollte sich von der Umgebung abheben und eher den haptischen Materialwechsel zwischen Beton- und Putzoberflächen in den Vordergrund stellen. Die Farbe kommt letztlich durch die Jalousien ins Spiel – das Ockergelb verleiht dem Gebäude die nötige Leichtigkeit.
Grundriss Ebene 0, M 1 : 750
1 Foyer
2 Sekretariat
3 Lehrerzimmer
Grundriss Ebene 1, M 1 : 750
1 Klassenzimmer
2 Clusterbereich
3 Aula
4 Musiksaal
Mit gutem Beispiel voran
Die Realschule Gerlingen ist ein gutes Beispiel für eine Praxis, die in Deutschland immer häufiger anzutreffen sein wird: den Erhalt von und den ressourcenschonenden Umgang mit Gebäuden aus den 1970er- und 1980er-Jahren, die laut Deutscher Energie-Agentur bundesweit 15 % der Bildungsbauten ausmachen. Ihre raue und aus heutiger Sicht unfreundliche Ästhetik entspricht nicht einem allgemein geteilten Verständnis von schöner Architektur und wird häufig zu schnell und schmerzlos abgerissen, ohne dass wirkliche Überlegungen zu ihrem Erhalt entwickelt werden können. Das „Ausdehnen dessen, was wir als schön empfinden“, so Wulf, werde immer notwendiger. Bei der Planung der Schule wäre man damals noch nicht so weit gewesen, die rückgebauten Gebäudeteile zu verwerten. Heute würde man, auch angesichts des Stands der Technik, womöglich noch rücksichtsvoller mit dem Bestand umgehen – ein Cradle-to-Cradle-Projekt haben wulf architekten mit dem Feuerwehrhaus Straubenhardt bereits realisiert. Dem Stuttgarter Büro ist es in Gerlingen dennoch gelungen, aus einem „unschönen“ Gebäude ein hochwertiges Schulhaus zu machen. Sicher liegt dies nicht nur in der Bereitwilligkeit der Planenden und der Bauherrschaft, auch die Finanzierung muss geleistet werden.
Grundriss Ebene 2, M 1 : 750
1 Klassenzimmer
2 Clusterbereich
3 Schüleraufenthalt
4 Bildende Kunst
5 Werken
Das zeigt erneut, dass Investitionen in die Bildung nicht nur unseren Köpfen zugute kommen, sondern auch unserem kostbaren Gebäudebestand, in dem nicht nur viel graue Energie steckt, sondern auch ein räumliches Potenzial, das nicht als Hindernis, sondern als Chance zu verstehen ist.
wulf architekten
Tobias Wulf
www.wulfarchitekten.com
Foto: Klaus Mellenthin
Projektdaten
Objekt: Sanierung und Erweiterung Realschule in Gerlingen
Standort: Gerlingen
Typologie: Schulbau
Bauherr/Bauherrin: Stadt Gerlingen
Architektur: wulf architekten,
www.wulfarchitekten.com
Team: Coskun Kocak (TL), Hendrik Nagel (PL), Pawel Adamczyk, Gisela Dierolf, Fabrice Köhler, Eunyou Lee, Andreea Puscasu, Jingjia Zhang
Bauleitung: SZV Baumanagement, Stuttgart,
www.szv-baumanagement.de
Bauzeit: 2019-23
Grundstücksgröße: 40 380 m²
Nutzfläche gesamt: 4 500 m²
Nutzfläche:
Technikfläche: 680 m²
Verkehrsfläche: 2 860 m²
Brutto-Grundfläche: 8 400 m²
Brutto-Rauminhalt: ca. 32 860 m³
Baukosten (nach DIN 276):
Gesamt brutto: ca. 36,9 Mio. € (KG 200-700)
Fachplanung
Tragwerksplanung: bde GmbH, Stuttgart,
www.b-d-e.de
Akustik und Bauphysik: Bayer Bauphysik Ingenieurgesellschaft, Fellbach, www.bbi-ig.de
Landschaftsarchitektur: Jetter Landschaftsarchitekten, Stuttgart,
www.jetter-landschaftsarchitekten.de
Brandschutz: Ralf Kludt Sachverständige und Ingenieure, Konstanz, www.ralfkludt.com
HLS-Planung: IWP Ingenieurbüro für Systemplanung, Stuttgart, www.iwp-ingenieurleistungen.de
ELT-Planung: Bauplanung Franz, Radolfzell
Leitsystem: Schramke Design, Berlin,
www.schramke-design.de
Hochwasserschutz: Geitz und Partner GbR, Stuttgart, www.geitz-partner.de
Fachklassenplanung: scaleoplan GmbH, Öhringen, www.scaleoplan.de
Küchenplanung: Ingenieurbüro INGLUS GbR, Sindelfingen, www.inglus.de
Energiekonzept
Energiekonzept:
U-Werte Gebäudehülle:
Außenwand = ca. 0,28 W/(m²K)
Bodenplatte = ca. 0,28 W/(m²K)
Dach = ca. 0,19 W/(m²K)
Fenster (Uw) = 1,3 W/(m²K)
Verglasung (Ug) = 1,1 W/(m²K)
Haustechnik: Lüftungsanlage mit Wärmerückgewinnung, Anschluss an vorhandenes Nahwärmenetz, LED-Beleuchtung, intelligente Gebäudeleittechnik mit Präsenzmeldern, CO2-Fühler, automatischer Sonnenschutz
Hersteller
Beleuchtung: Lenneper (Lichtkanäle),
www.lenneper.de, BEGA (Außen), www.bega.com
Bodenbeläge: Gunreben (Parkett), www.gunreben.de, Tarkett (Lino), www.tarkett.de
Fassade/Außenwand: Sto, www.sto.de
Fenster: Alco (Holz-Alu), www.alco-systeme.de, Schüco (Alu), www.schueco.com
Innenwände/Trockenbau: Knauf, www.knauf.com
Lüftung: LTG (Luftauslässe), www.ltg.de
Möbel: Novy Styl, www.nowystyl.com, FourDesign, www.oceefour.com, Sedus, Brunner,
www.brunner-group.com, VS, shop.vs-moebel.de
Sanitär: Duravit, www.duravit.de
Sonnenschutz: Warema, www.warema.com
Türen: Schüco (Außentüren), www.schueco.com, Joro (Innentüren), www.joro.de
Wärmedämmung: Sto (Fassade), www.sto.de,
Knauf (Dach), www.knauf.com
Akustikverkleidungen: Akustiv & Raum,
www.akustik-raum.com