Zeitenfänger
Bei der Recherche zum IBM Gelände in Stuttgart-Vaihingen (hier auf S. 38) geriet auch das hier besprochene Buch in den Blick, in welchem der Fotograf und Verleger Andreas Gehrke Bilder von Partien des Geländes und des Gebäudeinneren druckte. Meist Schrägansichten und Übereck-Perspektiven, betonen sie die Räumlichkeit der Objekte und geben ihnen eine sanfte Dynamik, die im Kontrast zum Stillstand auf dem IBM-Gelände insgesamt wirken. Gehrkes Arbeiten sind weniger Dokumentation als vielmehr ein sympathisierendes Statement für die Qualitäten des dem Verfall anheimgebenen Ortes und sie tragen damit zu dem bei, was man als Mystifizierung dieser Orte registrieren kann, die in den Zeiten des rasanten Wandels unter die Räder der Ökonomie kommen (so auch die Bilder vom ebenfalls Eiermann-Bau in Nürnberg: Quelle Versand 1956–2009, ISBN 978-3-9815735-2-7, 20 €). Ganz offensichtlich geht es dem Autodidakten nicht um die Dokumentation eines Zustandes, der bald nicht mehr ist – und dessen Auflösung sich bereits auf den sehr stille stehenden Bildern ausbreitet –, es geht ihm offenbar um die reine Konfrontation von Gegenwart (Fotograf) mit Vergangenheit (Architekt) an einem Schnittpunkt allerdings, an dem der Fotograf mehr von der Sache hat als derjenige, der ihm solche Bilder vielleicht nicht erlaubt hätte.
Gehrke will hier offensichtlich weniger das Gebaute porträtieren, als vielmehr die Zeit. Die Zeit, die über alle Dinge hinweg geht, mal mit mehr, mal mit weniger Wucht. Den Eiermann-Bauten hat sie eigentlich mehr hinzugefügt als genommen, was zu erkennen nicht zuletzt auch den stillstehend dynamischen Bildern Andreas Gehrkes zu verdanken ist. Be. K.