Jugendzentrum Malinard, Ixelles/BE
Als „Raum für junge Menschen“ geplant, entstand in einer der ältesten Straßen Brüssels ein Jugendzentrum, bei dem das Architektenbüro Cartoon123 möglichst viel Raum für eigene Initiative ließ. Der Neubau schiebt sich quasi in den Bestand des Wohnhauses und öffnet sich zu einem kleinen Platz. Neben dieser Offenheit bietet das Jugendzentrum aber auch geschützte Bereiche, die gerade von den jüngeren Jugendlichen gesucht werden.
Text: Sophie Green, Brüssel
Nachdem ihr Treffpunkt, der Fußballplatz, einem Gemeinschaftszentrum weichen musste, entdeckten die Jugendlichen von Ixelles die Petit Rue Malibran, eine der ältesten Straßen des Brüsseler Stadtteils, und machten sich diese zu eigen. Der kleine, gewundene, fast etwas ländlich wirkende Straßenzug mit Wohnbebauung und einem dazwischenliegenden Platz mit Begrünung war lange von der Urbanisierung ignoriert worden. Die Nachbarschaft beschwerte sich über Lärm und Drogenhandel. Die Gemeinde war also gefordert, hier für alle Beteiligten eine gute Lösung zu finden. Ein dreistöckiges Wohngebäude der Gemeinde direkt an der Ecke der Petit Rue Malibran bot hierfür Potenzial.
2016 lud die Gemeinde fünf Architekturbüros zu einem Wettbewerb mit der wenig konkreten Aufgabenstellung: „Schaffung eines Jugendzentrums in der Nachbarschaft“. Keine weitere Programmdefinition von Seiten der Auftraggeber:innen, außer dass „Raum für junge Menschen“ geplant werden sollte und der Anregung, es solle doch ein Musik- und Aufnahmestudio beinhalten. Letztlich gewann der Entwurf des Architektenbüros Cartoon123 – da er auf den Bedarf reagierte. Er sah keine große Halle für organisierte Aktivität, sondern ein kleines Haus mit Innen- und Außenräumen vor. „Ein Ort, an dem sich junge Menschen zu Hause fühlen können“, sagt Architekt Joost Raes.
Der Anbau nimmt die Gliederung und Farbigkeit des Bestandsgebäudes auf, ohne diese zu kopieren. Die gestreifte Tür an der Gebäudeecke markiert den Haupteingang ins
Jugendzentrum
Foto: Olmo Peeters
Die Architekt:innen hatten während der Wettbewerbsbearbeitung ein Jungendzentrum mitten in Brüssel besucht und erkannt, dass die Jugendlichen eher einen undefinierten Raum brauchten, den sie sich selbst aneignen können – ein paar Stühle, ein Kicker und ein guter Internetanschluss sollten reichen. Die Räume sollten neben einer heimischen Atmosphäre auch das Bedürfnis nach Sicherheit und Privatsphäre erfüllen.
Planung mit Bestand
Die verfügbaren Räume im Erdgeschoss des Bestandsgebäudes waren relativ klein. Ein Anbau für das Jugendzentrum, der auf den angrenzenden Platz mündet, bot sich an, doch auch hier waren die Möglichkeiten in der Höhe aufgrund der Sichtachsen der Nachbargebäude limitiert. Die Architekt:innen planten ein helles, offenes Gebäude mit einer Dachkuppel und einem Innenhof, um den sich alle Räume anordnen, sowie großen Fenstern, die sich zum kleinen Platz hin öffnen. Die Interaktion mit dem vernachlässigten, angrenzenden Park ist zentral, da dieser zuvor nicht genutzt wurde. Aktiviert wird dieser nun durch die großen Terrassenfenster, dem direkten Ausstritt sowie einem von außen zugänglichen kleinen Lagerraum mit Liegestühlen, Sonnenschirmen sowie Spiel- und Sportgeräten. Die Jugendlichen habe unabhängig Zugang, sodass auch außerhalb der Öffnungszeiten z. B. ein Out-Door-Gym entstehen kann.
Übergang vom Bestand zum Neubau
Foto: Olmo Peeters
Gestaltungsmittel Partizipativer Prozess
Nachdem Cartoon123 den Zuschlag erhielt, wurde mehrere Beteiligungsmomente organisiert, um zu erfahren, was die Jugendlichen selbst sich für das Jugendzentrum erhofften. Schnell stellte sich heraus, dass das von der Gemeinde angedachte Musik- und Aufnahmestudio gar nicht wirklich Anklang finden würde und sie sich lieber eine Grillmöglichkeit und Platz für gemeinsame Aktivitäten wie Filmeschauen, Tischfußball oder Tischtennis wünschten. So entfiel das Musik- und Aufnahmestudio. Neben dem geplanten Raumprogramm wurden die Jugendlichen auch zu konkreten Vorschlägen in der Grundrissgestaltung befragt. Etwa zur recht zentralen Position des Koordinatoren-Büros nahe am Eingang. Die Gemeinde befürchtete, dass diese Position als zu kontrollierend empfunden werden würde. Tatsächlich stellte sich heraus, dass die Jugendlichen die Position befürworteten, da sie ihnen das Gefühl von Sicherheit gibt, das notwendig ist, um sich hier zuhause zu fühlen.
dazu lass ichmir gleich noch was eingalleb aber im moment ehab ich keiner zeit dazu lass ichmir gleich noch was eingalleb aber im moment ehab ich keiner zeit
Foto: Olmo Peeters
Struktur der Gebäude
Das Erdgeschoss des dreistöckigen Backsteingebäudes aus dem frühen 19. Jahrhundert wurde neu organisiert und um einen Anbau erweitert. Die tragenden Bestandswände boten einige technische Herausforderungen und mussten von einem komplexen System aus Stahlträgern abgefangen werden, sodass sich der Neubau des Jugendzentrums dort hineinschieben konnte. Das Gebäude blieb während der Arbeiten bewohnt. Auch manch überraschende, nicht dokumentierte Sanierung der 1990er-Jahre kam zum Vorschein. So mussten Öffnungen plötzlich durch Beton statt durch Ziegelmauerwerk gestoßen werden. Die Außenwände des Anbaus wurden aus Silikat-Kalkstein gemauert, der aufgrund seiner Masse und seiner akustischen und thermischen Qualitäten ausgewählt wurde. Die Bodenplatte besteht aus Beton. Die Dachkonstruktion musste möglichst schlank gehalten werden, sie wurde als Flachdachkonstruktion aus Holz-Trägern gebaut.
Der Fußboden aus rot gefärbtem und poliertem Beton zieht sich durch alle Räume. An der Decke sorgt perforiertes Sperrholz für akustische Dämpfung. Große Terrassenfenster bieten Zugang zu einem kleinen Platz, der auch als Out-Door-Gym genutzt wird
Foto: Olmo Peeters
Schwierige Übergänge
Nicht nur die Tragstruktur des Bestandsgebäudes, sondern auch die technischen Anlagen der Bestandswohnungen, Kamine und Leitungen waren – wie so häufig beim Bauen im Bestand – im Weg und mussten verlegt werden. Der Technikraum mit der Lüftungsanlage mit Wärmerückgewinnung sowie der Wärmepumpe für die Fußbodenheizung finden sich im Bestandsgebäudeteil, getrennt vom Neubau. Der knifflige Übergang vom alten zum neuen Gebäudeteil und die möglichst gering zu haltende Deckenstärke machte es nötig, die Lüftungsrohre zwischen den Dachsparren zu führen. Sehr viel Koordination zwischen dem Zimmerer und der Lüftungsfirma war nötig.
Zum wiederkehrenden Gestaltungelement wurde das tragende T: Es findet sich unter der Bank eines kleinen Fensters auf der Rückseite des Kamins, als Unterzug unter dem Durchbruch für die Lüftung und im Wechsel zum Oberlicht sowie als Unterzug in der Küche
Foto: Olmo Peeters
Erschließung – Nutzungen
Der neue Haupteingang zum Jugendzentrum befindet sich im Bestandsgebäude. Über einen großen, lichtdurchfluteten Eingangsbereich, der multifunktional und flexibel nutzbar ist, geht es am Büro des Koordinators vorbei zur Küche, die einen Zugang zum Innenhof hat, wo sich ein Grill befindet.
Der dritte und größte Raum ist ein großer Saal, der als Wohnzimmer genutzt wird. Mit seinen großen Terrassenfenstern öffnet er sich hin zum Platz, hingegen bleibt er durch die hoch gelegenen Fensterbänder zur Straße hin verschlossen – ein großer flexibler, undefinierter und gleichzeitig privater Raum.
Blick vom Neubau in das Bestandsgebäude, wo die zukünftige Küche entstehen wird. Die Lüftungsrohre wurden aus Platzgründen zwischen die Sparren des Flachdachs verlegt
Foto: Carton123 architecten
Auf der Grenze zwischen Bestandsgebäude und Neubau, im Inneren, befindet sich die Küchenzeile, die, zusammen mit dem Grillplatz und durch eine große, verschiebbare Fensterfront schnell zur Außenküche werden kann. Joost Raes erläutert die Absicht der Architekt:innen so: „Der Kamin ist von Innen und Außen sichtbar, ein Statement von Häuslichkeit, das symbolische Herzstück des Hauses.“ Der Schornstein des Grills sowie das Oberlicht zeichnen die Organisation des Inneren nach außen ab und sind gut aus der Ferne sichtbar.
Die roten Fertigbetonelemente, die an die Farbigkeit der Ziegel im Bestandsbau angelehnt sind, markieren im Zusammenhang mit den blau-weiß gestreiften Türen und den weißen Schiebeläden die Präsenz des Jugendzentrums, während Eingang und Fenster den Wohnungen im Obergeschoss schlicht Weiß gehalten sind.
Dieses Projekt zeigt eindrucksvoll, wie Bauen im Bestand Umgebung aktivieren kann, aber auch, dass Bauen im Bestand immer mit Überraschungen in der Bauphase, viel Kreativität in der Lösungsfindungen und leidenschaftlichem Durchhaltevermögen einhergeht.
Hier geht es, direkt neben der Küche, in einen geschützt liegen Patio mit Grill
Foto: Olmo Peeters
Fertigbetonplatten im Ziegelton des Bestandsgebäudes bekleiden die Fassade des Neubaus
Foto: Carton123 architecten
Grundriss Bestand, M 1 : 300
1 Terrasse
2 Nachbarschaftstreff
3 Eingang Apartment
4 Fahrräder
5 Küche
6 Privat
7 Badezimmer
8 Schlafzimmer
9 Apartment 1
Grundriss neu, M 1 : 300
1 großer Saal
2 Abstellraum
3 Salon
4 Patio
5 Terrasse
6 Büro
7 Eingang Apartment
8 Eingang Atelier
Fassadenschnitt, M 1 : 20
1 extensives Gründach
2 Dämmung
3 Holzbalken
4 Brandschutzplatte
5 Holzrahmen, gedämmt
6 Zinkverkleidung
7 Schiene mit perforierten Schiebeläden
8 akustisch wirksame Dämmung, perforierte Sperrholzdecke
9 Kalziumsilikat Ziegel
10 Dämmung
11 vorgefertigte Betonplatten
12 Beton
13 polierter Betonfußboden
14 Dämmung
15 Estrichdämmung
16 Fundamentplatte
Anschluss an Bestand, M 1 : 33
1 extensives Gründach
2 Dämmung
3 Mauerwerk Bestand
4 Fußbodenplatte Bestand
5 Lüftungskanal
6 Holzbalken
7 Brandschutzplatte
8 akustisch wirksame Dämmung, perforierte Sperrholzdecke
9 Doppel T-Träger
Carton123 architecten
www.carton123.be
Foto: Carton123 architecten
Projektdaten
Objekt: Malinard Jugendzentrum
Ort: Ixelles, Brüssel/BE
Eigentümer: Stadt Ixelles/BE
Nutzer: Malinard Jungendzentrum
Architektur: Carton123 architecten, Brüssel/BE, www.carton123.be
Team: Jens De Schutter, Joost Raes, Bouchra Saadallah, Els Van Meerbeek
Generalunternehmer: Phénicks, Charleroi/BE, www.phenicks.be
Bauzeit: 03.2018 – 07.2020
Grundstücksgröße: 310 m²
Brutto-Grundfläche: 225 m²
Nutzfläche gesamt: 178 m²
Hauptnutzfläche: 154 m²
Verkehrsfläche: 12 m²
Brutto-Rauminhalt: 607 m³
Baukosten gesamt: 560 000 €
Baukosten Hauptnutzfläche: 3 636 €/m²
Baukosten Brutto-Rauminhalt: 923 €/m³
Fachplaner
Tragwerksplaner: Lambda-max, Aalst/BE
Heizung, Licht, Elektroplanung: Tech3 BV, Ghent/BE, www.tech3.be
Energieplanung: EMS-advies, Deinze/BE, www.ems-advies.be
Energie
U-Werte Gebäudehülle
Außenwand = 0,21 W/(m²K)
Bodenplatte = 0,21 W/(m²K)
Dach = 0,21 W/(m²K)
Fenster (Uw) = 1,65 W/(m²K)
Verglasung (Ug) = 1,0 W/(m²K)
Gebäudetechnik
Wärmepumpe (Luft zu Wasser) in Kombination mit Fußbodenheizung, mechanische Lüftung mit Wärmerückgewinnung,Regenwasser- Rückgewinnung für Toilette und Waschmaschine
Hersteller
Dach: VM ZINC, www.vmzinc.com
Fassade/Betonpaneele: SVK,
www.svk.global
Wärmepumpe: Mitsubishi Electric, www.mitsubishielectric.com
Fußbodenheizung: Roth Werke GmbH, www.roth-werke.de
Lüftung: Swegon AB,
www.swegon.com
DBZ Heftpartner:innen planinghaus architekten BDA, Darmstadt